Die Musikindustrie in der Krise
In einem ausführlichen Zeitungsbericht lässt sich Ivo Sacchi, Chef von Universal Music Switzerland, darüber aus, der Tonträgermarkt sei 2006 in der Schweiz um Sorgen bereitende 15 % eingebrochen, derjenige von Universal habe jedoch um 2 Prozentpunkte zugelegt. International wurde 2006 ein etwa 2 3% geringerer Umsatz erzielt (hört, hört). Als Ursache wurden die „wilden“ Downloads und die selbst gebrannten Kopien ermittelt. Die Frage, dass der breiten Masse vielleicht der immerwährend gleich bleibende Klangschrott aus dem Halse hängt, wird nicht gestellt. Sacchi verteidigt denn auch die Existenzberechtigung des „Music Star“ (Musikantenstadl für Pickelgesichtige; Absingen von bedeutungslos Bedeutungsschwangerem bei gleichzeitig spastischem Gezucke und Gezappel).
Die Krise in der Schweiz?
Der Rückgang in der Schweiz hat wohl noch andere Gründe. Kostenlose Downloads und Privat-Kopien schaden nicht nur der Musikindustrie, sondern auch, und dies ist besonders bedenklich, den kreativen Musikern des Jazz. Ändern wird sich dies erst, wenn für Web-Veröffentlichungen eine global greifende Lösung - China eingeschlossen - über urheberrechtliche Abgeltungen zustande gekommen und ein wirksamer Kopierschutz eingeführt ist.
Vom Einen zum Anderen: Wer beispielsweise CDs bei Amazon bezieht, wird von Deutschland aus beliefert. Schweizer Vertriebe haben keine Möglichkeit, diese Verkäufe in ihren Zahlen zu berücksichtigen. Es könnte ja sein, dass gar nicht weniger umgesetzt, sondern lediglich ein nicht unerheblicher Prozentsatz am Schweizer Markt vorbei verkauft wurde. Ein Schweizer Marketing-Chef darf dies vermutlich nicht öffentlich ansprechen. Er würde damit dem Deutschen Kollegen an den Karren fahren. Dagegen ist wenig zu sagen und noch weniger auszurichten. Die Marktdominanz grosser Internet-Anbieter könnte schlimmstenfalls den Schweizer Plattenläden mit Jazz-Sortiment vollends und den inländischen Vertrieben und Internet-Shops teilweise den Garaus machen. Ob dann das Nischenprodukt Jazz mit den geringen Verkaufszahlen dereinst überhaupt noch angeboten wird, sei dahingestellt.
Urheberrecht
Gerade in Nischenbereichen wie Jazz + Impro sind die Musiker und ihre Produktionen durch klare urheberrechtliche Verträge mit dem Konsumenten zu schützen, wenn nicht einer ganzen Kunstrichtung in der Musik die an sich schon eher kargen Lebensgrundlagen entzogen werden sollen.
Das Gottlieb Duttweiler Institut behauptet zwar: die Musikindustrie leiste sich mit der „Kriminalisierung des Kunden“ einen Bärendienst.
Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Kunden, welche sich des kostenlosen Downloads bedienen oder Kopien brennen, begehen geistigen Diebstahl. Die Musiker werden um ihren Lohn gebracht, in zweiter Linie die Produzenten um ihre Investitionen. Da besteht kein eigentlicher Unterschied zum Ladendiebstahl in der Migros, um es auf einen Punkt zu bringen, welchen auch das Duttweiler-Institut nachvollziehen kann.
Schweizer Vertriebe und der Klimawandel -
ein kommerzielles und ein problematisches Feld, die nur auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.
Argumente für starke Schweizer Vertriebe gibt es einige. Sie unterstützen die betreuten Labels mit Inseraten in der Fachpresse, sorgen für Promotion bei Neuerscheinungen und kümmern sich ganz allgemein um die Informations-Grundversorgung. Diese Unterstützung der Jazz-Szene verschwindet irgendwann einmal, wenn Teile der in der Schweiz generierten Umsätze in noch grösserem Umfang an den inländischen Vertrieben und Anbietern vorbeigeleitet werden.
Die im Lande ansässigen Firmen verschicken Tonträger mit der Post bzw. Bahn. Mit Benzin oder Diesel angetriebene Fahrzeuge werden lediglich für die Feinverteilung eingesetzt. Diesem längst eingeführten und gut funktionierenden Transport-System stehen seit einiger Zeit motorisierte Carrier gegenüber, die von ausländischen Anbietern eingesetzt werden. Amazon liefert beispielsweise mit DHL der Deutschen Post (76'000 Benzin-/ Diesel-Fahrzeuge und einige Flugzeuge!) - Ist da nicht gerade von mit allen Mitteln massiv zu minderndem CO2-Ausstoss, von Klima-Wandel (richtig: -Katastrophe) und Erwärmung die Rede? Wurden die davon ausgehenden Gefahren nicht endlich als derart hochrangig eingestuft, dass es sogar der letzte Cowboy jenseits des grossen Teiches zu begreifen beginnt? Das Bewusstsein ist da die Bereitschaft zum Handeln oder sich trotz geringer Mehrkosten anders zu entscheiden jedoch? „Geiz ist geil“ als Lebensmotto oder doch nur ein vorübergehender Egotripper? Geisteshaltung als (Menschen)-Geschlechts-Krankheit?
Angebote und Preise
Marktdominante Internet-Konzerne führen zwar ein breit gefächertes Angebot, überlassen aber den Konsumenten schnell einmal sich selbst. Ein Test bei Amazon ergab, dass von 5 CIMP-Titeln einer, eine Neuerscheinung von 2005, bereits wieder aus dem Verkaufsprogramm genommen worden war, drei gar nicht erst aufgeführt waren und bei der Suche nach dem „Trio X„ (McPhee, Duval, Rosen) stattdessen die CD „Gates of Justice“ von Dave Brubeck genannt wurde.
Bei den sehr unterschiedlichen Preisen, die von Dumping bis marktüblich reichen, stellt sich die Frage, ob es an der Preispolitik der Labels / Vertriebe liegt, dass bei Amazon gewisse CDs zu einem geringeren Preis verkauft werden, als sie der Schweizer Händler einkaufen muss? Allein mit der unterschiedlichen Verkaufs-Menge lässt sich diese massive Differenz nicht erklären. Immerhin kann zuversichtlich vermutet und gehofft werden, der höhere Preis ergäbe einen gerechteren Anteil für die Musiker/Band.
Jedenfalls, mit zunehmender Markt-Zentralisierung bleiben die unabhängigen Labels und letztlich diejenigen Musikhörer, die sich für die Entwicklungen von Jazz und improvisierter Musik interessieren, auf der Strecke. Denn auch die am kreativen Prozess der Entwicklung und Erneuerung (was den Jazz bisher auszeichnete und am Leben erhielt) beteiligten Künstler werden dem finanziellen Druck irgendwann einmal nicht mehr gewachsen sein. Auch die Frustration durch die raren Auftrittsmöglichkeiten, die häufigen Absagen und die von Veranstaltern nicht beantworteten Anfragen zermürben. Anstatt sich mit der eigentlichen Materie beschäftigen zu können, sind viele aus Kostengründen als ihr eigener Agent, Manager, Promoter, Werber und Webmaster in die Selbstvermarktung eingebunden. Wer sich aus Überzeugung zum eingeschlagenen Weg nicht den moderateren Klängen des Mainstream und somit den etwas gefüllteren Trögen zuwenden will, hat es noch um ein paar Stufen schwerer.
Jazz, Muzak, Schulsack
Vielleicht muss das so sein. Vielleicht muss eine hoch stehende Musikkultur für eine gewisse Zeit abtauchen, damit festgestellt werden kann, ob sie überhaupt vermisst wird. Das hatten wir doch schon beim Free Jazz. Oder bei der anfänglich geächteten neuen Harmonik von Debussy. Heute sind deren Impulse im zeitgenössischen Jazz bzw. in der Hochklassik nicht mehr wegzudenkende Bestandteile.
Die Befürchtung liegt leider nahe, dass die ständige Beschallung, sei es durch die ins Ohr gestöpselten digitalen Speichermedien, sei es in Grossverleidern, Restaurants, Tankstellen oder durch das austauschbare Angebot gewisser Radiostationen durch das Perpetuieren des einfachgestrickten Immergleichen in der X-ten Version einen Code hinterlegt, der so prägend ist, dass er keine anderen Hörerlebnisse mehr zulässt.
Ein kollektiver Aufstand gegen das jeder musikalischen Qualität ferne Geschleime, Gewummere und Gehudere ist daher nicht zu erwarten. Dazu müsste an der Basis, also bei den Kids vor deren revolutionärer Phase (Pubertät), Interesse und Verständnis für Musik geweckt werden.
[Zwischenbemerkung: Und übrigens - die intensive Beschäftigung mit Musik und das Spielen eines Instrumentes fördert die Intelligenz und die soziale Kompetenz, wie das wissenschaftliche Studien erneut bestätigen - etwas, was der breitgeförderte Sport eben nur im Ansatz schafft.]
Vorstellbar wären durch Pro Helvetia produzierte und finanzierte, durch Jazz und Impro-Gruppen in ihre Musiksprache übersetzte Hitparadentitel als Lehrmittel für den Musikunterricht an Schulen. Das dürfte eine rundum amüsierende Übung werden und es würde so vielleicht eine etwas kritischere Hörerschaft herangezogen, welche zumindest qualitative Unterschiede zu erkennen lernt.
Damit könnte möglicherweise aber auch der Widerspruch etwas eingeebnet werden, dass hervorragende Schweizer Ausbildungsstätten jährlich Dutzende bestens geschulter JazzmusikerInnen ausspucken, für eine immer kleiner werdende Zuhörerschaft und bei einem allgemein immer geringer werdenden Interesse an anspruchsvoller Musik. Treffende Umschreibung der Situation „zu viele Häuptlinge, zu wenig Indianer“.
Kunst und Kosten
Ein Meisterwerk von Monk, Coltrane, Davis, Evans, Cherry, Coleman ... ist unter 30 Franken zu haben lächerlich im Vergleich zu den Preisen auf dem Bildermarkt.
Musik - mit Klang gefüllte Zeit - erfordert ungeteilte Aufmerksamkeit und Hingabe.
Ein gutbetuchter Kunstbanause kann sich einen millionenteuren Warhol, Klee , Picasso, einen jungen Wilden oder alten Staubfänger unter den Nagel reissen und an denselben hängen. Auch wenn ihn die bunte Dekoration nicht sonderlich erfreut, stört sie ihn auch nicht, erzeugt Ahs und Ohs selbst bei Lieschen Müller und Knirrrschs bei den Neidern („mein 4-jähriger Nachwuchs könnte das da auch“ mit entnervter Kopfstimme gesprochen!). Der Zweck des gesteigerten Beachtungsgrades und des Renommees als Kunstkenner ist erfüllt.
Der Hinweis, eine junge Band entdeckt, sich 90 Minuten hin- und sich ebenso lange konzentriert mit ihr auseinandergesetzt zu haben, danach für an sich lausige 25 Franken deren CD erstanden zu haben, stösst im Regelfall auf geringfügiges Interesse in der Umgebung und trägt wenig zum gesellschaftlichen Ansehen bei.
Lediglich die Feststellung, die Wiener Philharmoniker (speziell betont „unter Harnoncourt“) im KKL auf Plätzen der Kategorie I gehört zu haben, könnte etwas Aufmerksamkeit erregen. Der Laie ahnt ein kostspieliges Vergnügen, der Kenner weiss, dass dieses an die 300 Franken pro Platz gekostet haben dürfte.
Bei diesen Verhältnissen zwischen Kunst und Kommerz sollte es eigentlich jedermann und frau persönlich leicht fallen, wegen eines relativ geringfügigen Preis-Unterschiedes einen Tonträger-Anbieter zu wählen und zu unterstützen, der zum Räderwerk der Schweizer Jazzszene gehört, zumal es, wie erwähnt, auch einen umweltpolitischen Aspekt in sich birgt.
Entwicklungsstadien und Änderungen der Spielkonzepte von kreativen Musikern und Bands, welche sich der Luftkunst Jazz und improvisierter Musik verschrieben haben, sollen auch weiterhin dokumentiert und in die eigene Plattensammlung gestellt werden können. Heute sind viele der CD-Alben eigentliche Kunstwerke in Verpackung und Design, bieten also auch einen optischer Gewinn und einen haptischer Mehrwert.
Für die DurchlauferHitser hingegen sind Downloads eine empfehlenswerte Quelle, sofern die Kostenpflicht erfüllt wird. Die meisten dieser Erzeugnisse landen auf CD gebrannt sowieso nach kurzer Zeit im Müll und dafür ist es um die aufgewendeten Rohstoffe wirklich zu schade.
Musikgeschmack im Wandel?
Oper, Bach, Beethoven, Mozart ... Das Musiktheater, die Kompositionen der Meister des Barock und der Klassik haben heute zwischen 150 bis 400 Jahre auf dem Buckel. Ihre Beliebtheit ist ungebrochen und das Verlangen einer breiten Hörerschaft nach Werken zeitgenössischer Komponisten oder die Bereitschaft sich neuen Hörerlebnissen, wie beispielsweise der improvisierten Musik hinzugeben, lässt sich nicht feststellen. Erstaunlich eigentlich. Da wohnen Kulturmenschen in den verrücktesten zeitgenössischen Architekturen und Designerumgebungen, kennen den Unterschied zwischen Handke und Handkäs, schauen sich Filme von Greenaway, Kaurismäki und Kusturica an und sind auch sonst ganz toll modern. Ihr Musikgeschmack hingegen ist im übertragenen Sinne in der Stummfilmzeit stehen geblieben und es staubt zudem etwas von der gepuderten Perücke der Vorzeit herüber.
Bei aller Verehrung für die grossen Meister der europäischen Musikkultur und ihrer Werke ist die Ausschliesslichkeit, mit welcher diese durch Veranstalter und Radiomacher dauerpräsentiert werden und gleichzeitig das gegenwärtige Musikschaffen weitgehend negiert wird, nicht nachvollziehbar. Das Interesse für Neues schliesst die Würdigung früherer Entwicklungsstadien ja nicht aus, nur umgekehrt scheint das so zu sein.
Im Jazz und der improvisierten Musik ist es ähnlich. Grosse und kleine Zeigefinger legen fest, wo der Jazz aufhört. Viele nehmen diese Abgrenzung dankbar an. Der Neotraditionalismus bedient bisherige Hörgewohnheiten und dessen Leitfiguren (die nicht anders können weil sie nichts Anderes können) entbinden die Gemeinde von anstrengendem Verfolgen aktueller Entwicklungen.
So besehen bleibt’s, wie es ist. Etwas New Orleans und Blues, etwas Be-, Hard-, Post-, Neo- oder gar Free-Bop, etwas Smooth- und Fusion-Jazz, das ist schon ziemlich mager, was von einer Musikgattung an die Öffentlichkeit dringt, die sich immer am Puls einer bewegten Zeit bewegte, beeinflusste und sich beeinflussen liess und über ein unglaubliches schöpferisches Potential verfügt, das man nur wahrzunehmen brauchte.