Donnerstag, 25. Jan. 07, 12.30-13.15 h | Mittagsmusik 'am gleis 1', Brugg
POTAGE DU JOUR - bestehend aus Franziska Baumann voice, Jürg Solothurnmann ss, as; Christoph Baumann p
Was sich schon beim Anhören der gleichnamigen, bei Leo Records erschienenen CD offenbarte, wurde beim Live-Auftritt nochmals verstärkt: Geist und Gehörgänge wurden in einem noch grösseren Masse geöffnet und von den Folgen der täglich aufgezwungenen Muzak-Beschallung befreit.
Potage du Jour erinnert etwa an Hausmannskost, an Restenverwertung und erklärt auf Anhieb nicht, was unter dieser ungewöhnlichen Bezeichnung musikalisch zu erwarten ist. Durch die einleitenden Worte von Jürg Solothurnmann, die Band sei zwar sinngemäss die Suppe, das Publikum aber Salz und Pfeffer wurde immerhin angedeutet, dass der Zuhörer seine eigenen Ingredienzien beizufügen habe oder umgedeutet, er müsste seine eigenen, verinnerlichten Klänge mit dem Gehörten in Verbindung bringen.
Schon nach den ersten Tönen wurde klar, dass selbst Hörer, welchen freie Improvisationen bisher fremd waren, sich dem Bann dieses Dreiergespanns nicht entziehen konnten. Vor allem Franziska Baumann erstaunte mit ihrer unvergleichlichen Vokalkunst. Es blieb auch offen, was mehr zu bewundern sei, ihre unbeschreibliche Stimmtechnik, der musikalische Gehalt oder die frei fliessende Verständigung mit ihren eingeschworenen Partnern.
Beim Versuch einer Zurodnung könnten improvisierende Vokalistinnen wie Lauren Newton, Greetje Bijma oder Sainkho Namchylak herangezogen werden, ohne aber damit auch nur annähernd Vielschichtigkeit und Variantenreichtum der stimmlichen Möglichkeiten von Franziska Bauman anschaulich zu machen. Zu originär ist ihr künstlerischer Ausdruck, um sie einem Direktvergleich aussetzen zu können bzw. zu müssen.
Stürmische, energiegeladene Ausbrüche wechselten mit geräuschhaften und intensiven ruhigen, zarten Passagen. Damit ist die Vielfalt der erzeugten Stimmungen und Bilder nur sehr ungenügend umschrieben. Christoph Baumann, der mit allen Stilwassern gewaschene Pianist, in seiner Vielseitigkeit an sein englisches Pendant Django Bates erinnernd, löste seine Aufgabe erwartungsgemäss hervorragend. Er setzte rhythmische Akzente und fügte eine Palette an Klangfarben zwischen Impressionismen bis hin zu tayloresken Clustern bei. Jürg Solothurnmann, als kongenialer Mittler und Vermittler, agierte als Widerpart zur Stimme, verwebte oder überlagerte diese mit seinen intensiven Saxofonlinien oder fügt kurze, geräuschhafte Statements bei.
Das war/ist Improvisationskunst auf höchster Ebene, wild, zart, emotional, kunstvoll und ungekünstelt, an- und erregend - eine intime Dreierkonversation, die bis zum Schluss spannend blieb. "Potage du Jour" - ein Unikat in der mainstream-dominierten Flut.
Die gleich zusammengesetzte Formation "In Between" der Pianistin Esther Bächlin mit der Vokalistin Lauren Newton und dem Saxofonisten und Englischhorn-Spieler John Voirol hinterliess beim Auftritt vom
1.2.07 im Jazzclub Aarau einen nur halbwegs überzeugenden Eindruck. Obwohl auch hier die Stimme als Instrument eingesetzt wurde, wirkte das Konzept eher klassisch-bieder und erzeugte ein Gefühl von déja entendu. Das stimmliche Ausdrucks-Spektrum von Lauren Newton hielt sich in engem Rahmen und es fehlte die Risikobereitschaft. Zwar gut gemacht das Ganze, aber eben nicht mehr. Hervorzuheben ist jedoch John Voirol, welcher einige beeindruckende Soli beisteuerte.
Und übrigens - die Mittagsmusik im Hause der Metron-Architekten in Brugg ist zur Nachahmung empfohlen.
Am Donnerstag, 22.2.07 spielten: Pianist Christoph Stiefel mit Marcel Papaux dr, Patrice Moret b. Das Besondere an deren Spielkonzept ist die Verwendung der Isorhythmie, einer Kompositionstechnik aus dem später Mittelalter, welche dieses Piano-Trio von anderen Mainstream-Gruppen unterscheidet.
unerhört-Festival in der Roten Fabrik und im Jazzclub Moods, Zürich
Dienstag, 28. November 2006, Moods
Daniel Studer - Peter K. Frey - Zwei Klangtüftler und Freigeister im Dialog an zwei Kontrabässen: Für den Zuhörer war es nicht eben einfach, einen Zugang zu finden und die musikalische Aussage zu erfassen. Zu ähnlich waren die instrumentalen Äusserungen und eingesetzten technischen Mittel.
Der Solo-Auftritt von Daniel Studer beim Loft-Festival "Neue Musik" in Suhr war bedeutend einprägsamer und eindrücklicher. Seine hervorragende Technik, wie auch seine überschäumende Kreativität waren hier unbeeinträchtigt nachvollziehbar (und auch durch keine werkelnde Bar-Crew im Hintergrund gestört).
Das Dave Holland Quintet bot im Vergleich zu den beiden Saiten-Zauberern "währschafte" Kost. In einem spieltechnisch ausgezeichneten, perfekten Set wurde moderner Straight-Ahead-Jazz auf hohem Niveau zelebriert. Auch der Neuzugang - Schlagzeuger Nate Smith - und Pianist Jason Moran, welcher den erkrankten Vibrafonisten Stefon Harris ersetzte, überzeugten. Trotz hoher Perfektion blieb jedoch nicht viel mehr als die Erinnerung an eine zwar gelungene, jedoch wenig innovative Mainstream-Session. Dave Holland hat sich in dieser Sparte komfortabel etabliert. Die Down Beat-Leserschaft hat ihn soeben zum besten Bassisten des Jahres, zum besten Big Band-Leader und sein Quintet zur besten Jazz-Formation gekürt. Sein eigener Aufbruch in neue Sphären hat er seit seinem Mitwirken bei Miles Davis in den 1970er Jahren und den anschliessend eigenen, höchst interessanten Produktionen wie "Conference Of The Birds" (mit Sam Rivers, Anthony Braxton, Barry Altschul), "A.R.C." (mit Chick Corea, Barry Altschul) oder dem Bass-Duo mit Barre Phillips hinter sich gelassen. Dies als Randbemerkung, ohne seine Meriten schmälern zu wollen.
Die Moods-Leitung wäre gut beraten, das gleichgültige und verächtliche Verhalten der geschirrklappernden, flaschen-und gläserklirrenden Bar-Crew gegenüber den in einem künstlerischen Prozess stehenden Musikern durch klare Anweisungen zu unterbinden, um den Besuchern einen ungestörten Musikgenuss zu ermöglichen.
Loft-Festival NEUE MUSIK in der "Alten Spinnerei" Suhr
Freitag 12. November 2006
Daniel Studer Kontrabass solo: technisch und musikalisch auf höchstem Niveau, unglaubliche Schwerelosigkeit und Vielfältigkeit des Ausdrucks. Ein Musiker, den es in Zukunft zu beachten gilt. Er bestätigte seine Qualitäten auch in der Grossformation des "Billigen Bauern" am unerhört-Festival Zürich.
Roman Nowak, Solo-Gitarre: Monk- und Ellington-Themen zerlegt und neu zusammengesetzt; schräge Versionen von alt Bekanntem; herrlich unkonventionell gespielt und inszeniert.
Samstag, 13. November 2006
Jürg Frey, Klarinette, Komposition, Texte, Sprecher: Wenn es Absicht war, das Publikum durch Langeweile zu provozieren, ist dies vollumfänglich gelungen, aber seit den Auftritten des "Living Theatre" in den 1960ern, welches nach einem ähnlichen Konzept arbeitete oder gewissen Kompositionen von John Cage, eben nicht mehr sehr zeitgemäss. Das erste Stück - "Ferchten" - bestehend aus erfundenen Flurnamen, liess weder einen phonetischen noch rhythmischen Zusammenhang erkennen. Selbst "Bundeslocher liest aus dem AUNS-Programm" wäre spannender.
Im dritten Teil tropften während einer halben Stunde sporadisch, in eintöniger Stimme vorgetragene, inhaltsschwere Begriffe aus den 4 Lautsprechern - zwischen den Wortblöcken vereinzelte lange Klarinettentöne. Der Komponist verpasste es leider, aus seinem Konzept einer "topographischen Klanglandschaft" mehr zu erzeugen, als eine karge Wort- und Tonwüste. Allein durch eine dynamischere Stimmführung und besserer Nutzung der technischen Möglichkeiten z.B. dadurch, einen dazu geeigneten Begriff über die Lautsprecher von innen nach aussen explodieren zu lassen oder durch assymetrische Ansteuerung ein Raumgefühl zu entwickeln, hätte für den Hörer ein spannenderes Werk entstehen können.
Markus Eichenberger, Klarinette: Seine "Erinnerungsfetzen" aus Jugend und Musikerleben setzten einen klanglich vielfältigen, mit "Willow Weep For Me" endenden und wohl für die meisten der Anwesenden versöhnlichen Abschluss des Mini-Festivals.
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